Senioren für Senioren Pratteln
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Podiumsgespräch vom 18.11.2015
Gutes Sterben - Sanft entschlafen

ref. Kirchgemeindehaus
von R. Handschin (Vorstandsmitglied <Senioren für Senioren>)
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(von links) H. Wälterlin, D.Baumgartner, C.Huber, Dr. E. Preisig, P. Kohler, M. Wälti, Dr. H.Gudat Keller, L. Hesse

Der Verein führte diese öffentliche Veranstaltung am Mittwoch, den 18.November 2015 im Ref. Kirchgemeindehaus durch.
Dass sich der Mut gelohnt hat, sich diesem Tabuthema anzunehmen, bewies die grosse Zahl von interessierten Personen. Es kamen über 300. Nach der Vorstellung der Podiumsteilnehmenden durch Präsidentin Hanni Wälterlin eröffnete Pfarrer Paul Kohler die Runde und fragte nach Antworten zu der Aussage von alten Menschen: „Ich werde nicht mehr gesund, ich habe Schmerzen, ich kann und mag nicht mehr, ich will sterben.“

Die fachkundigen Podiumsteilnehmenden waren sich in vielen Punkten einig.
Das Wichtigste ist, das Gespräch suchen, zuhören, da oft auch grosse Ängste vorhanden sind. Die Frage nach einer Patientenverfügung gehört dazu. Das Umfeld ist wichtig und muss einbezogen werden, u.a. Gespräche mit Kindern und Angehörigen. Zusammen sollten die verschiedenen Wege und Möglichkeiten und Erleichterungen angesprochen werden von PalliativCare bis zum begleiteten Freitod als Notausgang. Nicht mehr allein der Arzt entscheidet.
Das Fachpersonal kann Hilfe und Unterstützung anbieten, was aber mit viel Energie und Aufwand verbunden ist. Wir sollten uns immer auch vor Augen führen, dass Sterben ein Teil des Lebens ist.

Aus den Voten der Podiumsteilnehmenden:
Daniel Baumgartner, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Pratteln-Augst:
Oft werden die mit dem Tod zusammenhängenden Fragen zuerst verdrängt. Der Wunsch aber überwiegt, sanft, schmerzfrei und in Frieden gehen zu können mit dem Gefühl – JA es war gut! Der begleitete Freitod ist für die Hinterbliebenen, ebenso wie für das ganze Umfeld bei einer Trauerfeier,  immer noch oft mit Scham behaftet. Manche Heimbewohner sind Mitglieder von EXIT. Sie können mit diesem Ausweis besser leben, da sie notfalls darauf zurückgreifen können.
Cornelia Huber, Pflegedienstleiterin im Alters und Pflegeheim Nägelin-Stiftung, Pratteln:
Wichtig ist, die Wahl und die Freiheit zu haben, das Leben und somit auch das Ende des Lebens so selbstbestimmt wie möglich zu gestalten. Der Wille eines Bewohners, einer Bewohnerin ist für uns in der Nägelin-Stiftung massgebend. Dazu gehört auch die Entscheidung, einen assistierten Freitod zu wählen. Die Gespräche mit der entsprechenden Organisation dürfen in unserem Haus geführt werden, der assistierte Freitod ist aber derzeit nicht möglich. Um ihn im Heim zu ermöglichen, bedarf es eines entsprechenden Konzepts. Bis jetzt waren wir mit einer solchen Situation noch nicht konfrontiert. Das Thema assistierter Freitod war bisher ein Tabu, bricht jetzt aber in der Gesellschaft immer mehr auf und wird öffentlich diskutiert. Es wird einen Wandel nach sich ziehen, auch in den Alters- und Pflegeheimen. Wir in der Nägelin-Stiftung sind bereit uns mit dieser Thematik auseinander zu setzen.
Dr. Erika Preisig, Hausärztin und Präsidentin der Stiftung Eternal Spirit (Lebens- und Sterbehilfeorganisation lifecircle):
Selbstbestimmung ist das Allerwichtigste. Sterben zu Hause ist für alle sehr aufwendig und setzt eine 24 Stunden Betreuung voraus. Eine Freitodbegleitung kann helfen und verhindern, dass sich jemand mit einer harten Selbsttötung das Leben nimmt. Die Trauerarbeit gehört zum ganzen Prozess und wird in erster Linie vor dem Freitod geleistet.
Margrit Wälti, Leiterin des Bereichs Krankenpflege Spitex, Pratteln-Augst-Giebenach:
Gut zuhören ist wesentlich und die Wünsche der Kranken wichtig nehmen. Auch mit Spitex kann ein Patient zu Hause bis zuletzt gepflegt dem Tod entgegen sehen. Mit Einbeziehung der Angehörigen kann er Abschied nehmen und mit sich ins Reine kommen.
Dr. Heike Gudat Keller, Hospiz im Park, Klinik für Palliative Care, Arlesheim:
Es braucht Unterstützung der ganzen Familie. Abschied nehmen und Trauern ist anspruchsvolle emotionale Arbeit. Es gilt zu respektieren, ob jemand in ein Hospiz gehen will oder eine andere Lösung sucht. Oft möchten die Patienten auch im Hospiz noch nicht sterben. Das Thema Sterbefasten (bewusstes Aufhören mit Essen und Trinken) existiert, kann aber bei der Durchführung sehr problematisch sein.
Ludwig Hesse, Katholischer Spitalseelsorger i.R., Frenkendorf.
Ein grosses Lob gilt den Spitälern und Heimen für die schwere Zeit bei der Betreuung Sterbender. Daheim zu sterben kann je nach Umfeld eine sehr grosse Belastung sein. In jedem Fall braucht es interdisziplinäre Zusammenarbeit. Spiritualität gehört dazu, aber auch eine gesunde Prise Humor. Selbsttötung ist immer tragisch. Ob hingegen ein unheilbar Kranker lebensverlängernde Behandlungen, z.B. die Dialyse, ablehnt, fällt in den Bereich der Selbstbestimmung. Leben bis zum Schluss ist das Ziel, palliative Lösungen sind der Weg.
 
Das Podiumsgespräch wurde abgeschlossen mit einigen Voten, die sich jeder merken sollte:
Toleranz üben und jeden Tag geniessen. Krankheiten und Behinderungen akzeptieren und Alte respektieren. Sich oft etwas Gutes tun um zu spüren, dass wir leben.

Ein Zuhörer, der sich zum Wort meldete, stellte fest: Je älter er werde, desto mehr werde seine Selbstbestimmung eingeschränkt.
 

Von den Podiumsteilnehmenden wurde nochmals betont, dass eine Patientenverfügung wertvoll ist. Sie sollte aber regelmässig überprüft werden.

R. Handschin

Statistik
In der Schweiz sterben ca. 65‘000 Menschen pro Jahr, d.h. 178 pro Tag.
10% sterben sofort, 90% nach mehr oder weniger langem Leiden.
40% sterben im Spital, 40% in den Pflegeheimen.
20% sterben entweder zuhause oder bei Unfällen auf der Strasse, am Arbeitsplatz, in der Freizeit und beim Sport oder bei Suiziden.
73% wünschen, zuhause sterben zu können.

Eingangsvotum des Gesprächsleiters Paul Kohler
Gut sterben, sanft entschlafen, wie, wo, von wem begleitet?

Diese Fragen kann sich nur eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung stellen. Wir in der Schweiz gehören dazu. Es sind Fragen nach einem würdigen Sterben in einem hoch industrialisierten reichen Land mit einer flächendeckenden sehr guten medizinischen Versorgung. Würdig sterben - das können die Kriegs- und Folteropfer, die Hungernden, die Flüchtlinge, die Ermordeten, die Opfer des Terrors so wenig wie diejenigen, die auf unsern Strassen überfahren werden oder bei ihrer Arbeit oder in ihrer Freizeit verunfallen. Ich denke auch an die grosse Anzahl Menschen, die sich aus Verzweiflung das Leben nehmen und keine Möglichkeit haben, einen begleiteten Freitod zu wählen. Von einem selbstbestimmten Leben und Sterben sind sie weit entfernt. Ihre Herkunft, ihr Schicksal lassen solche Überlegungen gar nicht zu. Es gibt viel schreckliches und unwürdiges Sterben auf dieser Welt, auch jetzt, wo wir über das gute Sterben, das sanfte Entschlafen sprechen. Aber wir tun es heute trotz allem. Wir leben ja hier. Es geht um unsre Zukunft. Wir reden auch nicht über die 10%, die an einem Herzversagen völlig unvorbereitet und unverhofft sterben. Manche wünschen sich das, doch für die Angehörigen ist es ein grosser Schock. Wir haben eine grosse Lebenserwartung – ein Segen oder ein Fluch? Wir werden mit unserem eigenen Leiden oder dem Leiden von Angehörigen und Freunden konfrontiert, mit unserer altersbedingten Hinfälligkeit. Der Tod ist in Reichweite. Doch vorher kommt das Sterben. Manche fürchten sich davor. Wie wird es sein? Wo werde ich sterben? Und von wem werde ich in meinen letzten Stunden begleitet? Vielleicht will ich auch allein sterben; niemand soll mich zurückhalten. Und vielleicht sage ich auch gar nichts, sondern lasse es einfach geschehen.

Fragen an die sechs Podiumsteilnehmenden, die sie vorher schriftlich vom Gesprächsleiter erhalten haben:
  • Was sagen und unternehmen Sie, wenn ein Patient, eine Patientin sagt: «Ich werde nicht mehr gesund. Meine Zeit ist abgelaufen. Ich hoffe, dass ich bald sterben kann.»
    Woran merken Sie, wenn es bei einem alten Menschen ans Sterben geht?
  • Was heisst für Sie «Gutes Sterben»? Vielleicht mögen Sie auch sagen, wie sie selbst einmal sterben möchten, so dass es für Sie «gut» ist.
  • Was sagen und unternehmen Sie, wenn ein Patient, eine Patientin im Spital, im Hospiz oder in einem unserer beiden Altersheim bei klarem Bewusstsein sagt:«Ich bin Mitglied von Exit/Dignitas/lifecircle. Ich will jetzt mein schwieriges Leben beenden und meine Sterbehilfeorganisation benachrichtigen.»